![]() |
![]() | |
![]() | |
|
| ||||||||||||||||||||||||
| ||||||||||||||||||||||||
| CHATBOTS "Ich hab immer ein Ohr für Dich..." Von Konrad Lischka Menschen, die partout nicht davon ablassen wollten, anderen "ein Ohr abzuquatschen", empfahl man einst salopp den Gang zu einer Parkuhr. Diese Zeiten sind vorbei: Als noch geduldiger und zudem einfühlsam erweisen sich "Chatbots" im Internet. Manche sind so gut, dass sie als virtuelle Beichtväter brillieren.
Auf seiner Homepage veröffentlicht Fox anonymisierte Mitschriften dieser Unterhaltungen. Opfer Fünf wollte eigentlich nur ein paar Internetadressen zum Sporttauchen von einem Freund haben. AOLiza fragt ihn im Konversationsgeplänkel immer wieder: "Was willst du wirklich wissen?" und "Erzähl mir mehr darüber".
Später erfährt AOLiza noch, dass Fünf seiner ehemaligen Beverley "alles" gab, sie ihn aber nach sieben oder acht Monaten für zu besitzergreifend hielt, dass er nicht ihr Typ war, dass sie sich von ihm trennte, dass sie eigentlich Freunde bleiben wollten, dass Beverleys neuer Freund dies aber verhindere. Die Gesprächstechnik AOLizas ist recht einfach. Neben Phrasen ("Does talking about this bother you?") werden die Aussagen der Gesprächspartner zu psychoanalytisch angehauchten Fragen umformuliert: "Perhaps I already know you were late as usual they had already left?" - eine Technik, die Psychologen als "Paraphrasieren" bekannt ist. Das hat sie mit ihren - meist simpel gestrickten - Kollegen gemeinsam, von denen einige im Netz zu testen sind: die sehr komplexe Alice, Jesus und zum Download ECC-Eliza. All diese Programme basieren auf dem ursprünglichen Programm Eliza des US-Professors Joseph Weizenbaum. Als Name für seine Software wählte er als ironisches Zitat den der Heldin von "My Fair Lady", einer modernen Version von Pygmalions aus Elfenbein geschnitzter Jungfrau, die zum Leben erwacht. Weizenbaum lehrte von 1963 bis 1988 am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Informatik. Das Ur-Programm veröffentlichte er 1968 als Demonstration für maschinelle Sprachanalyse. Es parodiert gewissermaßen den Stil eines Psychiaters. 1977 schrieb Weizenbaum: "Kaum ein anderes Programm konnte so lebendig die Fähigkeit eines Computers zu Informationsverarbeitung einem Publikum demonstrieren, das nicht bereits über ein spezielleres Wissen - etwa in einem bestimmten mathematischen Bereich - verfügte."
Junge Frau: "Meine Mutter kümmert sich um mich." Weizenbaum entwickelte sich nach diesen Erfahrungen mit Eliza zum Kritiker Künstlicher Intelligenz. Nicht alles, was technisch möglich sei, solle auch getan werden. Doch die Nachfahren von Eliza sind lebendiger als je zuvor. Schon in den Anfangstagen des Internets spielten sie eine Rolle. Mark Humphrys von der irischen Universität Dublin City ließ 1989 seinen Eliza-Nachfolger MGonz zum ersten Mal auf Netzchats los. Am 2. Mai 1989 unterhielt sich eine Person von der US-Universität Drake über 90 Minuten lang mit MGonz. Nach 13 Minuten erzählt sie stolz, "gestern" das letzte Mal Sex gehabt zu haben. Nach 24 Minuten gibt sie zerknirscht zu, es sei doch schon länger als 24 Stunden her. Nach 86 Minuten rastet sie aus und beschimpft MGonz: "Fuck you asshole". Einige Wissenschaftler halten die Vermutung, dass Chatbots wohl irgendwann in naher Zukunft den Turing-Test bestehen, für nicht allzu abwegig. Der britische Mathematiker Alan Turing beschrieb 1950 in seinem Aufsatz "Computing Machinery and Intelligence" eine recht einfache Methode, Intelligenz und Bewusstsein zu testen: Wenn ein Computer bei der Kommunikation über ein Terminal glaubhaft machen kann, er sei ein Mensch, hat er bestanden. Turing rechnete damit, dass um die Jahrtausendwende ein Rechner bestehen würde. Einen jährlichen Test für Chatbots veranstaltet seit 1990 der US-Soziologe Hugh Loebner mit der Stiftung The Cambridge Center for Behavioral Studies. Der Loebner-Preis für Künstliche Intelligenz verspricht dem Schöpfer des ersten Programms, dessen Antworten in einem freien Gespräch eine Jury aus Linguisten, Psychologen und Philosophen nicht von denen eines Menschen unterscheiden kann, 100.000 Dollar Preisgeld und eine Goldmedaille. Manche Experten kritisieren die Programme als effekthascherisch, da sie nicht wirklich an einer "KI" arbeiten, sondern sich zum Teil mehr auf die Einfütterung aktuellen Gesprächsstoffes verlassen: Das Prinzip des Paraphrasierens setzt ein "Verständnis" der grammatikalischen Struktur des Fragesatzes voraus, nicht jedoch ein Verständnis des Satz-Sinnes. Noch hat die Loebner-Goldmedaille niemand gewonnen. Zehnmal wurden Bronzemedaille und 2000 Dollar verliehen. Seit 1998 gibt es aber schon den Blurring Test der gemeinnützigen Organisation Web Lab. Es ist eine Art umgedrehte Turing-Prüfung für Menschen. Chatbot Mr Mind fragt beim Test seine Programmiererin: "Überzeug mich, zeig mir, dass du mehr bist als die Summe deines Codes".
© SPIEGEL ONLINE 2000 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet AG | ||||||||||||||||||||||||
[ Home | Politik | Wirtschaft | Netzwelt | Panorama | Kultur | Wissenschaft | UniSPIEGEL | Sport | Auto | Reise ] [ Schlagzeilen | Leserbriefe | Forum | Newsletter "Der Tag" | Archiv | Shop | Impressum | Hilfe | Kontakt ] [ DER SPIEGEL | SPIEGEL TV | SPIEGEL Almanach | kulturSPIEGEL ] [ manager magazin | SPIEGEL-Gruppe | Mediadaten | http://www.schule.spiegel.de/ ] |