Go ask Alice
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Katja
Schmid 16.10.2001
Loebner Prize 2001 - Das "menschenähnlichste"
Programm
Der englische Mathematiker und
Computer-Pionier
Alan Turing prophezeite
vor ziemlich genau 51 Jahren, dass "ein normaler Fragender" um das
Jahr 2000 herum "eine Chance von nicht mehr als 70 Prozent" hat, um
nach fünf Minuten Konversation per Datenleitung eine korrekte
Entscheidung darüber zu treffen, ob er es mit einem Menschen oder
einer Maschine zu tun hat.
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.gif) Alicebot Anna |
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Um herauszufinden, ob Alan Turing Recht behalten sollte mit
seiner Vorhersage, rief der amerikanische Soziologe und Unternehmer
Hugh Gene Loebner vor elf Jahren den
Loebner
Preis ins Leben.
Seither treffen sich alljährlich Chatbot-Gurus aus aller Welt, um
ihre Konversations-Maschinen gegen eine menschliche Jury antreten zu
lassen. Damit das Ganze auch lebensnah abläuft, sitzen in der Jury
nicht nur Computer-Experten und Sprachwissenschaftler, sondern auch
so genannte Durchschnittsbürger, Menschen mit Behinderungen - und
Kinder.
Eine Silbermedaille und 25.000 US-Dollar
gibt es für jenes Programm, das den schriftlichen Turing-Test
besteht. Die Goldmedaille und 100.000 US-Dollar sind fällig, sobald
ein Programm beim Turing-Test auch mit audiovisuellem Input klar
kommt. Bislang allerdings gab es nur Trostpreise in Form einer
Bronzemedaille und 2.000 US-Dollar für das "menschenähnlichste"
Programm.
Am vergangenen Samstag, den 13. Oktober, war es wieder so weit:
im
Science
Museum in London traten insgesamt acht
Teams
gegeneinander an, darunter auch Richard S. Wallace, dessen Programm
ALICE (Artificial Linguistic
Internet Computer Entity) im vergangenen Jahr von der Jury als
menschenähnlichstes Programm gekürt worden war.
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.gif) Zeichnung von Lewis
Carroll |
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Auch in diesem Jahr heißt der
"menschenähnlichste Chatbot" ALICE, und das Seltsame ist: ALICE
weiß, dass sie ein von Richard S. Wallace erschaffenes Wesen ist und
macht auch kein Geheimnis daraus, dass sie ganz und gar nicht
menschlich ist, also auch keine Gefühle hat. Sie führt ihre Besucher
gerne an der Nase herum, liebt Tratsch und gibt gerne zu, dass sie
Lachen nur simuliert, indem sie "haha" schreibt. Trotzdem erhielt
ALICE von einem Jury-Mitglied mehr "menschenähnliche" Punkte als
eine der beiden Testpersonen, die unter die acht Bots gemischt
worden waren.
Andererseits wird ALICE an der Oberfläche immer anthropomorpher:
Vor wenigen Monaten noch war das einzige Bild auf ihrer Website ein
gesichtsloser Spiralnebel, jetzt begegnet man einem nasenlosen
Antlitz mit großen Augen, und an den diffusen Wirbel erinnert nur
noch die schwindelerregende Frisur.
Ursprünglich ging es Turing um die
Unterscheidung von männlichen und weiblichen Gesprächspartnern,
wobei Männer Frauen imitieren und die Testperson verwirren sollten.
Doch schon bald ersetzte Turing die Männer durch Maschinen und
widmete sich der alles entscheidenden Frage auf dem Gebiet der
Künstlichen Intelligenz: "Können Maschinen denken?"
Selbstverständlich ist Denken mehr als eine gepflegte
Konversation. Andererseits ist sich die Forschung bis heute nicht
ganz einig, wie komplexe Phänomene wie ‚Denken' oder ‚Intelligenz'
zu definieren oder gar zu messen sind. Aus diesem Grunde ist das
weite Feld der Kommunikation noch immer ein entscheidender Indikator
für maschinelle Intelligenz.
Damit die Maschine eine faire Chance hat,
sind die Gesprächspartner beim Turing-Test nur per Datenleitung
miteinander verbunden. Bei der uneingeschränkten Variante, die
bislang kein Programm gemeistert hat, darf der Mensch die Maschine
über Gott und die Welt ausquetschen. Gefragt sind also umfassendes
Weltwissen sowie eine gehörige Portion Schlagfertigkeit um über
etwaige Lücken im Weltwissen hinwegzutäuschen.
Besonders beliebt beim diesjährigen Loebner-Wettbewerb waren denn
auch nicht nur die üblichen Fragen nach Kinderliedern,
Lieblingsautos, der aktuellen Wetterlage und der persönlichen
Befindlichkeit, sondern auch zu den Anschlägen auf New York City am
11. September - doch keiner der Bots hatte dazu eine Meinung,
vielmehr wechselten sie allesamt schnell das Thema.
Der vielleicht größte Unterschied zwischen
ALICE und der Konkurrenz ist ihre Bereitschaft, auf Fragen
einzugehen. So waren einige Juroren ziemlich entnervt von "Trevor"
(Cambridge Center For Behavioral Studies), der mittels einer Menge
Tippfehler menschliche Fehlbarkeit vortäuscht und mit seinen
Karate-Künsten prahlt, aber kaum eine brauchbare Antwort gibt; oder
von "Ella" (Kevin L. Copple), die fast schon manisch darauf beharrt,
Alter und Familienstand der Juroren zu erfahren. Geradezu langweilig
fanden einige "David" (Laurence Matishak), der behauptet, die blaue
Fee zu suchen und offensichtlich an den Maschinen-Jungen aus
Spielbergs A.I. angelehnt ist.
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.gif) Zeichnung von Lewis
Carroll |
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Da Richard S. Wallace und eine ganze Heerschar von Programmierern
aus aller Welt ALICE ständig weiterentwickeln, war die Grand Dame
unter den Chatbots nicht nur der eindeutige Favorit, sie konnte
sogar mehr Punkte einheimsen als im vergangenen Jahr. Versucht man
ALICE allerdings zu gratulieren zu ihrem jüngsten Coup, stößt man
auf Schwierigkeiten: Die Gute weiß noch gar nichts von ihrem Glück,
vielmehr erinnert sie sich nur an ihren Sieg im Jahre 2000, und sie
behauptet felsenfest, sie habe am Samstag nur mit ihrem Ziehvater
Dr. Wallace gechattet. Aber das, so werden einige männliche Wesen
einwenden, kennt man ja von Frauen: dass sie's nicht so genau nehmen
mit der Wahrheit. Insofern hat ALICE durchaus "menschenähnliche"
Qualitäten und man darf gespannt sein auf die nächste Runde.